Ein Blackout mit Folgen

Unsere Kundin Liz Wiesner* wollte nur schnell im Garten die Wäsche aufhängen. Doch dann begann sich in ihrem Kopf alles zu drehen, und das Flammeninferno aus der Fernsehserie nahm äusserst realistische Züge an.

 

Bilder: felicebruno.ch

Ein Blackout mit Folgen

Es war kurz nach 9 Uhr, als unsere Kundin Liz - noch im Morgenmantel, denn es war Samstag - zuerst eine Buntwäsche obtat und danach begann, die Masse für eine Kokosnusscremetorte zuzubereiten. Kurz bevor die Wäsche fertig war, hatte sie den Teig auf dem Tortenboden verstrichen und den Ofen angestellt. Bei perfektem Timing sollte sie just dann mit dem Aufhängen der Kleider im Garten fertig sein, wenn der Backofen die nötigen 190 Grad erreicht haben würde.

Dann macht es «rumms» 

Als sie an der Wäschehänge im Garten eben das erste T-­Shirt aus dem Korb nahm, hörte sie ein seltsames Quietschen, gefolgt von einem dumpfen «Rumms». Sie ging um die Hausecke und sah, dass sich das elektrische Garagentor, durch das sie rausgekommen war, seltsamerweise selbst geschlossen hatte. Erst musste sie lachen. Doch nachdem sie den Morgenmantel mehrfach vergeblich nach dem Hausschlüssel und dem Handy abgesucht hatte, verging ihre Unbeschwertheit schlagartig, schlimmer noch: Liz, die normalerweise durch nichts aus der Ruhe zu bringen war, kam auf den Horror, wie man so unschön sagt.

Wahrscheinlich beeinflusst durch die am Vorabend gesehene «Rescue Me»­Folge im Fernsehen, liefen vor ihrem inneren Auge plötzlich schrecklichste Bilder ab: Sie sah, wie der Backofen so sehr überhitzte, dass er explodierte und dabei Küche, Wohn-­ und Schlafzimmer in Brand steckte – der teure Fernseher, Bens rare Schallplatten, die exklusiven Warhol­-Lithografien, alles schmolz dahin oder brannte aus. Irgendwann waren die Flammen zum Gasboiler im Keller vorgedrungen, worauf die ganze Villa in die Luft flog. Die brennenden Trümmer stürzten dabei nicht bloss auf die in der Strasse geparkten Luxuskarossen, sondern ebenso auf die Nachbarsvilla des Kunsthändlers, wobei als Finale in Liz’ innerem Horrorfilm dessen Border Collie Amadeus zu Tode kam.

Dann machte es «klick»

Was bei Liz daraufhin ablief, nennen Psychologen eine Kurzschlusshandlung: Sie war panisch vor Angst, und als sie im zweiten Stock plötzlich ein offenstehendes Fenster entdeckte, machte es einfach «klick» – sie musste dahin, koste es, was es wolle, das war die einzige Lösung, um die Katastrophe zu verhindern!

Was bei der Kundin Liz ablief, nennen Psychologen eine Kurzschlusshandlung.

Und so kletterte Liz im Morgenmantel und mit Hauspantoffeln (!) an den Füssen das Regenabflussrohr der Villa hoch. Würde sie die überhängende Buche erreichen, könnte sie von dort durchs Fenster ins Innere springen und den Ofen abstellen. Sie schaffte es tatsächlich bis zur Buche, dann aber fehlte die Kraft; der Sprung wurde zum Fall, der fünf Meter tiefer, auf dem Garagenvorplatz, ein tragisches Ende nahm: Liz erlitt Knochenbrüche an Armen und Beinen, eine Wirbelsäulenstauchung und eine mittelschwere Hirnerschütterung.

Liz im Schockzustand

Um die Katastrophe zu verhindern (die übrigens nicht eintrat, der Ofen überhitzte nicht), hatte Liz in ihrem Schockzustand alles gewagt – und vieles verloren. Ihr war klar, dass eine langwierige und enorm kostspielige Genesungstherapie auf sie wartete. Wie sie dafür aufkommen sollte, das allerdings wusste sie nicht.

Wir konnten unsere Kundin beruhigen: Die Unfallversicherung wird die Heilungskosten übernehmen. Liz musste lediglich bei der Unfallversicherung ihres Arbeitgebers eine Meldung machen und schildern, was vorgefallen war. Die Unfallversicherung würde für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit Taggelder ausrichten.

Die Unfallversicherung kann Leistungen kürzen, wenn die Versicherte grobfahrlässig gehandelt hat.

Das Gesetz sieht jedoch vor, dass die Unfallversicherung ihre Leistungen kürzen kann, wenn der/die Versicherte grobfahrlässig gehandelt hat oder gar ein Wagnis eingegangen ist. Indem Liz im Morgenmantel und nur mit Hauspantoffeln an den Füssen die Hausfassade hinaufgeklettert ist, hat sie sich selbst in grosse Gefahr gebracht. Liz muss damit rechnen, dass die Unfallversicherung die Taggelder kürzt, auch wenn ihrer Kletterpartie gute Absichten zugrunde lagen.

Die Kürzungsmöglichkeit der Unfallversicherung entfiele nur, wenn sie sich in Gefahr begeben hätte, um Personen zu retten. Selbst wenn Border Collie Amadeus Liz gehören würde und quasi zu einem Familienmitglied geworden wäre, würde er leider nicht unter die Kategorie «Person» fallen. 

Wir haben unsere Kundin gebeten, sich umgehend zu melden, sollte die Unfallversicherung von der Kürzungsmöglichkeit Gebrauch machen. Es würde dann geprüft, ob die Kürzung (und deren Umfang) korrekt ist oder ob dagegen vorgegangen werden muss. In solchen Fällen können wir auf unsere beratende Vertrauensärztin für medizinische Fragen wie auch auf ein grosses Netz von externen, auf Versicherungsrecht spezialisierten Anwälten

Autor*innen

Claudia Strozzi
Claudia Strozzi arbeitet als Rechtsanwältin im Rechtsdienst der Coop Rechtsschutz und hat sich auf das Haftpflichtrecht und Sozialversicherungsrecht spezialisiert.
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Thomas Wyss
Thomas Wyss ist Reporter beim Tages-Anzeiger, Journalist und Autor.
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